Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Letzte Nacht meinte meine Mutter, sie sei so müde und erledigt. *

Leuchtschild mit der Aufschrift "Mutter"

Ich schob den Staubsauger über den Parkettboden und der Gummirüssel verschlang die Papierfetzen, die meine Mutter im ganzen Wohnzimmer verteilt hatte. „Mir wird das alles zu viel“, sagte sie, als ich das Kabel aufrollte und den Staubsauger zurück in die Abstellkammer brachte. Sie hatte sämtliche Fotos aus einem Album, das ich ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, in kleine Stücke gerissen. Ich schickte sie ins Bett und sie band sich den Bademantel vor dem Bauch mit einer Schleife zu und wankte die Treppenstufen nach oben.

Es hatte mit den kleinen Dingen begonnen: Im Supermarkt vergaß meine Mutter ihren Geldbeutel und die Kassiererin musste ihn ihr nach Dienstschluss vorbeibringen. Ein paar Tage später verließ meine Mutter das Haus ohne Schuhe, bis eine Nachbarin sie zurück in die Wohnung begleitete.

„Überall Halunken und Ganoven“, sagte meine Mutter, als ich auf dem Weg zur Arbeit bei ihr nach dem Rechten sah. Sie lag mit geringelten Wollstrümpfen, die sie bis zu den Knien hoch gezogen hatte, auf dem Sofa.

„Was meinst du?“

„Sie haben mir meinen Schlüssel gestohlen. Und meinen Kaffee. Meine Hausschuhe sind weg. Und ich habe keine Uhr mehr.“

Ich lief durch die Zimmer ihrer Wohnung, fand den Schlüssel in der Besteckschublade, die Hausschuhe in der Badewanne, den Kaffee im Schirmständer und die Uhr zwischen den Socken und Unterhosen.

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Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin. *

 Ein Legomännchen mit rotem Fahrrad

Konrad hatte die Wohngemeinschaft verlassen, um im Spätkauf ein Paket Butter zu kaufen. Er war alleine im Dienst, sein Kollege Janek hatte frei. An anderen Tagen wäre das kein größeres Problem gewesen. Aber eben nur an anderen Tagen.

Vor ein paar Monaten war Konrad Lang als Sozialarbeiter in der Wohngemeinschaft eingestellt worden. Zusammen mit Janek betreute er drei Männer um die 50: Malte, Henry und E. E hieß eigentlich Emmanuel. Aber niemand nannte ihn mehr so. Schon im Kindergarten war der Name allen zu lang. E riefen sie ihn. Immer nur E.

Unter der Woche fuhren Malte, Henry und E jeden Morgen mit dem Bus zu den Werkstätten. Malte in die Tischlerei, Henry zum Gartenbau und E in einen Fahrradladen. An diesem Abend lag Malte in der Badewanne, Henry bastelte Schneeflocken für seine Modelleisenbahn und E sollte das Holz im Kamin anzünden. Für den Filmabend.

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Es war inzwischen beinahe Donnerstag und noch immer hatte man die Beinprothese des Herrn Grafen nicht gefunden. *

Kornelius, der kleinwüchsige Bedienstete mit der Hornbrille, hatte seinen Tagesrhythmus umgestellt und durchforstete den Garten der Villa nach der Gehhilfe, die der Herr Graf für ein Mittagsschläfchen in der Sonne abgenommen hatte und die nach seinem Erwachen auf einmal spurlos verschwunden war. Hatte der Hund des Hauses sich einen Spaß erlaubt? War ein Kind im Spiel? Wollte einer der Bediensteten dem Grafen einen üblen Scherz spielen? Kornelius suchte zwischen Rhododendren und Schwertlilien, Perückenstrauch und Rosskastanie, Löwenmäulchen und Rispenfuchsschwanz und fand nichts weiter als einen alten Pullover des Herrn Grafen und einen blauen Gummistiefel, den der Gärtner am Seerosenteich verloren hatte.

Die Frau Gräfin wollte das jämmerliche Schauspiel rund um ihren einbeinigen Gatten nicht mit eigenen Augen ansehen und zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. Wenn Kornelius ihr frischen Tee oder ihre heiß geliebten Pfefferminztäfelchen brachte, fragte die Frau Gräfin als Erstes nach der Beinprothese ihres Gatten und warf Kornelius angesichts des ausbleibenden Sucherfolgs aus dem Zimmer, indem sie ihn mit einem ihrer größten Kissen bewarf und ihn in einem Atemzug wütend als Tollpatsch, Nichtsnutz und Hängebauchschwein bezeichnete. „Es ist inzwischen beinahe Donnerstag“, rief sie Kornelius wütend hinter her, als dieser schon wieder mit hängenden Schultern Richtung Garten marschierte.

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„Hast du dich schon entschieden?“ *

Eine Frau sonnt sich auf einer Wiese

Eduardo sah mich fragend an. Vom meinem Platz auf der Wiese betrachtet sah er merkwürdig verzerrt aus: Ein riesiger Kopf, der auf dünnen Armen und noch dünneren Beinen saß. Ich kannte ihn erst seit wenigen Minuten. Er war einfach stehen geblieben und hatte mich beim Lesen im Park beobachtet. Minutenlang. Bis ich zurück starrte.

„Ist das Buch gut?“, fragte er.
„Ja.“
„Leihst du es mir?“
Ich schwieg. Sollte ich? Sollte ich nicht? Wer war das überhaupt?
„Ich geb’ dir zwei Flaschen Bier als Pfand dafür!“, sagte er.

Ich stand auf. Eduardo band sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und erzählte ohne Punkt und Komma, warum er in Berlin war. Ich war müde vom Feiern und verstand nur einzelne Wörter: Sprachkurs, Jobsuche, Chillen. Er zog Fotos von seiner Familie aus dem Geldbeutel. Und das Bild von einem Strand in Malaga. Seinem Lieblingsstrand. Als er seine Gitarre in die Hand nahm, ein Jack-Johnson-Lied spielte und lauthals mitsang, gab ich auf. Bier und Buch wechselten ihren Besitzer und wir verabredeten uns für die Rückgabe. Die gleiche Stelle, die gleiche Zeit, drei Tage später.

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„Als ich erwachte, sah ich, dass sich ein einzelner Zombie unter mein bescheidenes Versteck verirrt hatte.“ *

Ein Zombiewalk

Nils sah mich erwartungsvoll an. „So geht das schon seit Wochen. Und es sind nicht nur Zombies. Einmal habe ich mich nachts in den Verteidigungsminister verwandelt und sollte im Schlafanzug nach Afghanistan reisen, einmal wurde ich von einer Horde riesiger Kaninchen mit erhobenen Äxten verfolgt. Jedes Mal wundere ich mich mitten im Traum, dass ich so seltsam träume. Was bedeutet das?“ Ich zuckte ratlos mit den Schultern und musterte die Kleinfamilienfotos an den Wänden. Vier Jahre hatten wir uns nicht gesehen, Nils und ich, und schon erkannte ich ihn nicht mehr wieder. Der alte Nils hatte für eine Weltreise gespart, war an der Uni im 17. Semester eingeschrieben und mochte keine Hochzeiten. „Wenn ich jemals heirate, dann nur mit Plastikringen, Polaroidfotos und einem Menü bei McDonalds“, sagte er, als fast unser ganzer Freundeskreis Versprechungen für die Ewigkeit machte.

Während wir auf Kaffee und Kuchen warteten erfuhr ich, dass der neue Nils mit einem Einserabschluss die Uni beendet hatte, an einem Gymnasium als Deutsch- und Geschichtslehrer arbeitete und seit vier Monaten mit Anna verheiratet war. Der Ring an seiner Hand war aus Silber. Und ihr gemeinsamer Sohn Finn lernte gerade laufen. Der Kleine stolperte durchs Zimmer, hielt sich schwankend an der Decke des Wohnzimmertischs fest. Bücher, Zettel und Stifte fielen herunter. Nils reagierte langsam. „Komm her, Finn, komm.“ Finn setzte einen Fuß vor den anderen, schwankte mit dem Oberkörper nach links und nach rechts. Auf dem Weg zu Nils stolperte er über die Bücher, Zettel und Stifte auf dem Boden. Finn brüllte. Und wie eine aufgezogene Spieluhr hörte er damit so schnell nicht mehr auf. Nils reagierte langsam. Er zog den Kleinen zu sich, streichelte ihm über den Kopf und tröstete ihn. Anna kam mit einem Blech Schokoladenmuffins aus der Küche. „Musst du deine Sachen immer im Wohnzimmer herum fliegen lassen?“, fragte sie. Nils antwortete nicht. Mit stoischer Ruhe räumte er die Bücher zurück ins Regal, die Zettel in den Flur, die Stifte in sein Arbeitszimmer.

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„Ganz egal woran ich gerade denke, am Ende denke ich immer nur an dich.“ *

Simons Musik dröhnte durch das ganze Ferienhaus. Er hatte sich im Zimmer eingeschlossen, reagierte nicht auf die lauten Rufe von Karl und war nicht einmal zum Frühstück nach unten gekommen. Als sich die Zimmertür mittags immer noch nicht in den Angeln bewegt hatte, stellte Karl ein paar Scheiben Toast und ein Glas Nutella vor Simons Zimmer und schob einen Zettel unter der Tür durch. Nichts passierte. Karl setzte sich auf die Veranda, die nackten Füße im Gras. Neben ihm stand die ausgebeulte Angeltasche mit den Karpfenruten, dem Kescher, den Ködern. Er beobachtete die Kinder im Nachbarsgarten, die kreischend Fangen spielten. Auf dem See schnatterten Enten, die Bäume bogen sich im Wind.

Simon hatte sich das Wochenende mit seinem Großvater zum 18. Geburtstag gewünscht. Angeln, im See schwimmen, grillen. Sie hatten alles bis ins letzte Detail geplant. Doch seit seiner Ankunft hatte Simon nur einsilbige Antworten gegeben und sich die restliche Zeit im Zimmer verbarrikadiert. Nur einmal ging das Fenster kurz auf, als Simon ein Foto zerriss und die Fetzen wie dicke Schneeflocken in den Garten rieseln ließ. Karl puzzelte das Foto Stück für Stück wieder zusammen. Seitdem wusste er, dass es um ein Mädchen ging. Und dass das Mädchen kurze blonde Haare hatte.

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„Es reicht doch schon, wenn ICH schwierig bin. *

Älteres Ehepaar auf einer Bank

Ich erkenne dich nicht wieder“, sagte Paul. Er hatte seine Arme vor dem Bauch verschränkt und starrte sie an.
„Du übertreibst“, antwortete Marta.
„Von einem Tag auf den anderen änderst du dich. Da mache ich nicht mit.“
„Ich gehe schlafen.“
„Das geht nicht. Sonst bist du immer nach mir ins Bett gegangen.“
„Das ist jetzt vorbei.“

Warum Paul schwierig war:

  1. Sein Kleiderschrank war nach Farben sortiert. Die Farbe blau durfte darin nicht vorkommen – sonst bekam er Kopfschmerzen.
  2. Mehrmals am Tag machte er zehn Kniebeugen im Wohnzimmer.
  3. Wenn er etwas erzählte, begann er mit einer genauen Datumsangabe. Sollte ihm ein Datum entfallen sein, konsultierte er seinen Kalender, den er immer bei sich trug. Erst dann setzte er seine Erzählung fort.
  4. Das Telefon durfte nur zwischen 12 und 18 Uhr eingestöpselt sein. Zu jeder anderen Uhrzeit störte ihn das Klingeln in seinem wohlverdienten Ruhestand.
  5. Er konnte erst schlafen, wenn er den Immobilienteil der Tageszeitung durchforstet hatte – dabei hatte er längst ein Haus gekauft und keinen Grund sich nach etwas anderem umzusehen.

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Nun bin ich also da, angekommen im dicken B., glücklich.*

Eine Ampel vor blauem Himmel

Es ist Sommer. Ein fast wolkenloser Sommer. Alice und ich laufen durch die Straßen, in der Hand ein Eis mit drei Kugeln. Es ist unser erster Monat in der Hauptstadt, fernab von den Eltern. Unser erstes Semester an der Uni hat noch nicht begonnen und wir lassen uns treiben. Wir schlafen bis mittags, dann ziehen wir los. Stundenlang laufen wir durch das Viertel oder fahren mit der U-Bahn von der einen Ecke der Stadt in die andere. Ziellos. Alice hat ihre Kamera um den Hals gehängt und fotografiert die Passanten, die Graffitis, sogar die Ampelmännchen. Da fällt mir Jonas wieder ein. Ausgerechnet Jonas.

„Jonas?“, fragt Alice, „wer war noch einmal Jonas?“ „Ein Junge aus meiner Nachbarklasse. Das Ganze ist Jahre her. Ich war 14 und hatte mein ganzes Tagebuch mit Jonas-Gedanken gefüllt. Das längste Kapitel hieß: ‘Was ich zu Jonas sagen könnte, wenn ich ihm eines Tages zufällig über den Weg laufe und er stehen bleibt’. Wir liefen uns oft über den Weg, Jonas und ich. Aber er blieb nicht stehen. Nie.

Alice und ich setzen uns in den Park. Alice breitet ihre gepunktete Decke aus und legt sich in die Sonne. „Erzähl weiter!“, murmelt sie. „Bis ich beim Schullauf gestartet bin und Jonas auf der Tribüne entdeckt habe. Auf einmal lief ich schneller als jemals zuvor, überholte die anderen nach einer halben Runde. Ich hielt den Vorsprung bis ins Ziel. Jonas sprang vom Sitz auf, streckte die Faust in die Höhe. Die Anstrengung war vergessen. Er lief die Treppen herunter, kam zu mir auf die Aschenbahn. Während ich meine Spikes auszog, fragte er, ob ich Lust auf ein Eis hätte. Ich nickte. Auf dem Weg zur Eisdiele schob er seine Hand in meine. Wortlos. Danach waren wir ein Paar. Wir sprachen nicht darüber. Aber er wartete jeden Tag nach dem Unterricht auf mich und brachte mich nach Hause.

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“Welche Erfahrungen hast du mit Bypass-Operationen gemacht?“ *

Es ist acht Uhr morgens. Omas Anruf reißt mich aus dem Schlaf. „Ich bin im zweiten Semester!“, antworte ich krächzend. „Das haben wir noch nicht behandelt.“ Doch Oma lässt sich nicht abschütteln. „Du musst doch irgendetwas über Bypass-Operationen wissen! Bringen sie dir denn nichts bei an der Uni?“ Ich laufe in Boxershorts zum Regal, ziehe eines meiner Medizinbücher hervor. „Überbrückung verengter Herzgefäße durch eine Umleitung. Zur Überbrückung dienen kleine Venenstücke aus dem Unter- oder Oberschenkel.“ Sie ist zufrieden. Merkt nicht, dass ich ihr aus einem Buch vorlese. „Bis bald“, sagt sie und legt auf.

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon wieder um 8 Uhr. „Was ist eine Herz-Lungen-Maschine? Und wie hoch ist das Herzinfarktrisiko bei einer Bypass-Operation?“ Oma ist im Gegensatz zu mir hellwach. „Warum willst du das alles wissen?“, frage ich.
„Liese muss ins Krankenhaus. Sie wollen sie am Herzen operieren. Da muss ich doch Bescheid wissen.“ Liese ist ihre Nachbarin. Seit sechzig Jahren wohnen sie Tür an Tür. Und seit ihre Männer gestorben sind, verbringen sie jeden Nachmittag zusammen. Bei Kaffee und Kuchen. Nach einem kurzen Schweigen sagt meine Oma noch: „Wir müssen uns mal wieder sehen!“
„Vielleicht im Sommer. In den Semesterferien.“
„Dann bringst du deine neue Freundin mit! Wie heißt sie nochmal? Nein, warte, das weiß ich doch. Das hast du mir schon gesagt. Sabine. Nein. Sandra. Nein. Jetzt weiß ich es wieder. Sara. Stimmt’s?“ Sie wartet meine Antwort nicht ab. „Wenn ihr kommt, backe ich eine Schwarzwälderkirschtorte für euch!“

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Aber Micha starb nicht. *

„Es kann sich nur noch um Stunden handeln“, hatte der Arzt gesagt. Die ganze Familie eilte daraufhin ins Krankenhaus. Alle wollten Micha ein letztes Mal sehen. Selbst ein paar entfernte Cousinen waren gekommen.  Jeder hatte ihm ein letztes Geschenk mitgebracht. Micha war entkräftet. Konnte nicht mehr aufstehen. Er bat die Familie, die Geschenke für ihn auszupacken. Und auf der Fensterbank aufzureihen, damit er sie immer sehen konnte. In der Reihe standen: selbstgestrickte Socken von seiner Schwester Josefine. Eine Flasche Whisky von seiner Stammtischrunde. Ein ferngesteuertes Auto von seinem Enkel Tom. Ein Bildband mit Aktfotografien von seinem Nachbarn. Ein Nierenwärmer von den Cousinen. Und eine Schachfigur von mir.

Seit der Hiobsbotschaft des Arztes war eine Woche vergangen. Micha lebte noch. Er lag in seinem Bett, eingewickelt in mehrere Decken. Wenn niemand bei ihm war, beobachtete er die Sturzflüge der Vögel vor seinem Fenster. Oder er dachte sich ausgeklügelte Schachzüge aus. Die letzten Partien gegen ihn hatte ich immer gewonnen. Wenn er verlor, ließ er seine Faust auf den Tisch sausen. “Sapperlot”, sagte er dann, “heute ist einfach nicht mein Tag!” Ich hatte Micha versprochen, jeden Nachmittag vorbeizukommen. Und ich hielt mich daran.

Micha war mein Mitbewohner. Er war sechzig Jahre alt. Doppelt so alt wie ich. Seit dem Tod seiner Frau vermietete er ein Zimmer in seiner Wohnung an mich weiter. Er wollte nicht alleine sein. Abends spielten wir Schach und tranken Wein dazu. Bis die Hausverwaltung allen Mietern ein Schreiben schickte: die Wohnungen sollten verkauft werden. Sobald sich ein Käufer fände, müssten wir ausziehen. “Potztausend!”, rief Micha. Er hatte sein ganzes Leben in der Wohnung verbracht. Er wollte die Wohnung nach seinem Tod an mich weitergeben. Und an niemanden sonst.

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