Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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„Wo ist das verdammte Geld?“, brüllte er. *

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Ernst hatte nach dem Aufstehen so lange vor dem Badspiegel an der Tonlage gefeilt, bis er nicht mehr über sich selbst lachen musste. Als er dann die kleine Bankfiliale betrat und sich dem einzigen Schalter näherte, fühlte er sich schon unbesiegbar. Er zückte seine Pistole und brüllte den geübten Satz. Doch der Angestellte ignorierte ihn, kaute unbeirrt Kaugummi und stellte das Radio lauter. Adios heißt auf Wiederseh’n, sangen die Flippers. Ernst wiederholte seine Forderung, seine Stimme zitterte. Der Angestellte öffnete den obersten Knopf an seinem Hemd und kratzte sich.

»Wir haben gerade unsere Seniorenwoche«, sagte er, »wenn Sie heute ein Girokonto bei uns eröffnen, schenken wir Ihnen dazu einen Picknickkorb.«

Ernst ließ die Waffe sinken. Unter seinen Achseln hatten sich längst große Schweißflecken gebildet und er wusste nicht, wie er weiter vorgehen sollte. Ein weiterer Kunde betrat die Filiale und Ernst zog sich schnell die Maske vom Kopf.

»Warum haben Sie nicht auf mich gehört?«

»Mein Sohn hat die gleiche Pistole«, sagte der Angestellte und reichte ihm eine Schale Bonbons.

Ernst winkte ab, fuhr sich über die Glatze und sah beschämt zu Boden.

»Keine Sorge, ich werde sie nicht verpfeifen. Drei Straßen weiter ist ein Buchladen, warum kaufen Sie sich nicht einfach einen guten Krimi?«

 

 

* Der erste Satz stammt von Martin Gaiser von der Buchhandlung Bücherpunkt.

Foto: Dick Vos

„Das erste Mal, dass ich von Osnabrück hörte“, *

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erinnerte sich Hannes, »war vor 17 Jahren.« Am Kiosk hatte er in der Schlange hinter einer dunkelhaarigen Frau gestanden, sie war in ein Magazin vertieft und Hannes musste ihr auf die Schulter tippen, als sie an der Reihe war. Sie bedankte sich, ging davon. Hannes folgte ihr.

»Wir kennen uns«, sagte er, als sie ihn bemerkte.

»Das kann nicht sein.«

»Warum?«

»Ich habe bis gestern noch in Osnabrück gewohnt.«

»Und vorher?«

»Ich wurde dort geboren.«

Hannes stutzte. Er war sich sicher, ihr herzförmiges Gesicht schon einmal gesehen zu haben, den kurzen, fast mädchenhaften Pony und die schmalen Schultern. Er sah sie in einem roten Rock und einem trägerlosen Top vor sich stehen.

»Sie haben ein großes Muttermal auf der linken Schulter«, erinnerte er sich.

Nun stutzte sie.

»Das stimmt.«

Sie zogen zusammen, tauschten die Namen in ihren Adressbüchern aus und erzählten sich von ihren Urlaubsreisen. Sie beschrieben ihre ehemaligen Kommilitonen und ihre Kollegen, erinnerten sich an Kindheitsausflüge und entfernte Verwandte, wälzten Fotoalben und lasen sich alte Ansichtskarten vor. Eine Übereinstimmung fanden sie nicht. Bei ihrer Hochzeit erzählten sie lachend von ihrem Kennenlernen und hofften heimlich, einer der Gäste wüsste eine Erklärung. Erst als sie schon ein Kind hatten und Hannes sein Arbeitszimmer ausmistete, um mehr Platz zu schaffen, fiel ihm ein Buch in die Hände. Er hatte es irgendwann nach dem Abitur in einem Antiquariat gekauft, aber nur einmal flüchtig darin geblättert. Es lag ein leicht vergilbtes Foto von einer jungen Frau darin, Hannes erkannte sie auf den ersten Blick.

 

* Der erste Satz stammt von Lennart Neuffer, Buchhandlung zur Heide

Foto: <sunshine>

Ich stand auf dem Bahngleis, ein Polaroid von Kinga und ihren Eltern in den Händen, das ich bis zur Abreise zwischen dem fünften und sechsten Band meiner Enzyklopädie versteckt hatte. 

Ein Stück Dobostorte

Ich betrachtete die Gesichter, hörte wieder Kingas lautes Lachen. Wenn wir die Promenade am Hafen entlangspaziert waren, zog sie ihren Rock ein Stück nach oben, und alle Jungs drehten sich nach ihr um. Ich sah Csaba vor mir, wie er mich mit seinen kräftigen Händen in der Luft herumschwang. Fliegengewicht, nannte er mich. Und ich dachte an Èvas lange Umarmungen, an den Kokosduft ihrer dicken braunen Haare. Oder war es Vanille?

Zehn Jahre waren vergangen, seit ich auf den schmalen Wegen rund um unser Ferienhaus die Schritte zum See gezählt hatte. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und versuchte, die Ritzen zwischen den Asphaltsteinen nicht zu berühren. Es brachte Unglück, wenn man auf die Linien trat, so viel war klar, ich fragte mich nur, was genau passieren würde und ob ich es herausfinden wollte. Nein, dachte ich, besser nicht. Als mich ein Kirschkern am Hinterkopf traf, war das Spiel vergessen. Ich sah mich nach allen Richtungen um und entdeckte ein Mädchen im Garten der Nachbarn, sie saß im Kirschbaum und winkte. Ich kletterte über den Zaun, und sie warf mir ein paar Kirschen aus den Ästen herunter. Nach einer Weile kamen ein bärtiger Mann und eine Frau mit einem bunten Haarband auf mich zu. Sie deuteten mit dem Zeigefinger auf sich und nannten mir ihre Namen: Èva. Csaba. Das Mädchen im Kirschbaum schüttelte den Kopf, weil ich den Namen ihres Vaters so falsch aussprach. Tschobbo, sagte sie wieder und wieder zu mir, bis ich es halbwegs fehlerfrei imitieren konnte. Erst dann erfuhr ich ihren Namen.

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Die Schönheitskönigin Sarah Rotblatt fuhr an einer Tankstelle vor.*

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An der Kasse stand der gescheiterte Bankräuber Finn Schluchzer mit einer leeren Sporttasche und bekam kein Wort heraus. Er rückte sich die Strumpfmaske zurecht und sah nervös nach draußen. Der wolkenverhangene Himmel lag schwer auf den Dächern der gegenüberliegenden Reihenhäuser und ein durchweichtes Helene-Fischer-Plakat löste sich von der Litfaßsäule.

Ddd – ddd – ddd, sagte Finn.

Der Tankstellenwart kaute unbeirrt Kaugummi, bis eine der großen hellrosa Blasen platzte und er sich die Überreste von Wangen und Kinn kratzen musste. Er hatte eine aufgeschlagene Zeitschrift neben sich liegen und musterte die leicht bekleideten Mädchen.

Ggg – ggg – ggg, sagte Finn und bemerkte nicht, wie Sarah hinter seinem Rücken näher kam.

Sie beobachtete sein verzweifeltes Vorhaben eine Weile, dann stellte sie eine Flasche Sekt auf den Tresen, legte zwei Schokoladenriegel daneben und zog einen 100-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse mit Leopardenmuster. Der Tankstellenwart starrte auf ihre dreifarbig lackierten Fingernägel und vergaß den seltsamen Mann für einen Moment. Sarah schob ihr Wechselgeld in die hintere Tasche ihrer Jeans und nahm Finn wortlos die leere Sportasche ab.

Das ist ein Überfall, sagte sie mit tiefergelegter Stimme.

Finn erstarrte. Erst als Sarah ihm ihren Ellenbogen in die Seite stieß, zückte er seine ungeladene Waffe und ließ den Tankstellenwart das Geld aus der Kasse in die Tasche legen. In einem der Regale lag eine Rolle Isolierband und Sarah verklebte dem Tankstellenwart damit den Mund. Sie band ihn mit einem pinken Kinderspringseil aus der Auslage an seinem Drehstuhl fest, durchtrennte das Telefonkabel mit einer Schere und drückte ihm zum Abschied noch einen Kuss auf die Stirn. Finn stand reglos daneben.

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Guter Whisky schmeckt nach Rauch.*

Gelbes Herz auf einer grünen Wiese

Jan saß in seiner Küche und sprach mit sich selbst. Er hielt kurze Vorträge über seine schottischen Whiskys, die er vor sich auf dem Tisch aufgereiht hatte. In Ermangelung eines Gesprächspartners lobte er mit verstellter Stimme den malzig-süßen Geschmack des Glenfiddich und den milden Torfrauch im Abgang. Nippte am Ardbeg Uigeadail und genoss die aromatische Rauchnote, die von einer delikaten Fruchtigkeit verfeinert wurde. Er strich über das Etikett des Bunnahabhain-Whiskys, dessen ölig-nussiger Stil ihm so zusagte. Die Flaschen waren alle fast leer und er wusste, dass er seine Sammlung so schnell nicht wieder aufstocken konnte.

Seit einem Vierteljahr ging Jan regelmäßig zum Arbeitsamt in der Müllerstraße und sprach mit seiner Sachbearbeiterin über Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 45 SGB III. Dienstags und freitags baute er einen kleinen Stand auf dem Wochenmarkt auf dem Nettelbeckplatz auf und versuchte, seine selbst gezeichneten Comics zu verkaufen. Doch da die Nachfrage nach Kartoffeln und Zwiebeln, Brokkoli und Zucchini bedeutend größer war als das Interesse an seinen kleinen Kunstwerken, wog seine Tasche auf dem Rückweg genauso schwer wie auf dem Hinweg. Abends saß er am Küchentisch, schnupperte an den leeren Whiskyflaschen und dachte an die Tage zurück, an denen er noch eine Freundin gehabt hatte.

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Als Peter Knoppert begann, die Beobachtung von Schnecken zu seinem Hobby zu machen, ahnte er nicht, dass aus seiner ersten Handvoll von Exemplaren in kürzester Zeit Hunderte werden würden.* 

Seine ersten Schnecken bekam er von Mathilda geschenkt. Sie klingelte an seiner Tür, warf ihre knallroten Schuhe achtlos in eine Ecke und ließ sich auf seinen Wohnzimmerteppich fallen. Sie zog ein Einmachglas aus ihrem Rucksack und ließ drei Schnecken über seinen ovalen Designer-Glastisch kriechen. „Schenk’ ich dir“, sagte sie. Später am Tag fuhr er in die Innenstadt, informierte sich in einem Buchladen über das Ernährungsverhalten der Gastropoden und kaufte ihnen ein großes Terrarium. Auf dem Rückweg machte er einen Abstecher in den Wald, sammelte Blätter und Moos, Steine und Äste, Rinde und Erde.

Wenn Peter Knoppert nicht weiter wusste, setzte er sich vor sein Terrarium und beobachte die wellenförmige Sohlenbewegung der Landlungenschnecken. Er verfolgte die langen Schleimspuren, die sich von den bemoosten Steinen über den Rindenmulch zu den Farnen erstreckten. Oder er musterte die quadratischen Löcher in den Blättern, die seine neuen Haustiere mit ihren mit Zähnchen besetzten Raspelzungen auf ihrem Mittagessen hinterließen. Er überlegte, welche Schnecken er sich als Nächstes zulegen sollte: Scheibenschnecken oder Windelschnecken, Schließmundschnecken oder Rucksackschnecken, Punktschnecken oder Dolchschnecken.

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Er hatte dieses wunderbare Bild gemacht und online gestellt, es war wie ein Symbol, ein visuelles Mantra, und dann änderte sich alles. *

Ein Spielzeughund auf Rollen vor einer grünen Wand

Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Das Bild von ihr gefiel 112 Leuten und war wie ein Kettenbrief durch das Netz gewandert. Eine Freundin hatte sie sofort erkannt, auch mit verschwitztem Gesicht und wehenden Haaren. Jette, schrieb die Freundin, wie geht es dir und warum sucht dich dieser Mann?

Es hatte beim Tanzen begonnen: Sie hatte ihre Brille verloren, war über seine Füße gestolpert und er hatte sie wieder nach oben gezogen. Dann schob er sie durch die Menge zur Bar, gab ihr eine Berliner Weiße mit Waldmeistergeschmack aus und während sie ihre Brille wieder in Form bog, erzählte er ihr von seinem Job als Fassadenkletterer. Sie unterhielten sich über Solobegehungen, Außenrotatoren und isometrisches Training, auch wenn die laute Musik die Hälfte ihrer Sätze verschluckte. Als alle anderen den Club verlassen hatten, räusperte die Kellnerin sich mehrmals und bat sie zu gehen. Ich hab Feiermorgen, sagte die Kellnerin, drapierte die Barhocker wie Mahnmale auf dem Tresen und knipste zum Aufräumen das Neonlicht an. Jette hakte sich bei dem Fassadenkletterer unter und sie liefen Richtung Ausgang. Dort hielt er sie an der Schulter fest und schrieb seine Nummer auf ihren Arm. Ein Edding-Tattoo.

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Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin. *

 Ein Legomännchen mit rotem Fahrrad

Konrad hatte die Wohngemeinschaft verlassen, um im Spätkauf ein Paket Butter zu kaufen. Er war alleine im Dienst, sein Kollege Janek hatte frei. An anderen Tagen wäre das kein größeres Problem gewesen. Aber eben nur an anderen Tagen.

Vor ein paar Monaten war Konrad Lang als Sozialarbeiter in der Wohngemeinschaft eingestellt worden. Zusammen mit Janek betreute er drei Männer um die 50: Malte, Henry und E. E hieß eigentlich Emmanuel. Aber niemand nannte ihn mehr so. Schon im Kindergarten war der Name allen zu lang. E riefen sie ihn. Immer nur E.

Unter der Woche fuhren Malte, Henry und E jeden Morgen mit dem Bus zu den Werkstätten. Malte in die Tischlerei, Henry zum Gartenbau und E in einen Fahrradladen. An diesem Abend lag Malte in der Badewanne, Henry bastelte Schneeflocken für seine Modelleisenbahn und E sollte das Holz im Kamin anzünden. Für den Filmabend.

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Es war inzwischen beinahe Donnerstag und noch immer hatte man die Beinprothese des Herrn Grafen nicht gefunden. *

Kornelius, der kleinwüchsige Bedienstete mit der Hornbrille, hatte seinen Tagesrhythmus umgestellt und durchforstete den Garten der Villa nach der Gehhilfe, die der Herr Graf für ein Mittagsschläfchen in der Sonne abgenommen hatte und die nach seinem Erwachen auf einmal spurlos verschwunden war. Hatte der Hund des Hauses sich einen Spaß erlaubt? War ein Kind im Spiel? Wollte einer der Bediensteten dem Grafen einen üblen Scherz spielen? Kornelius suchte zwischen Rhododendren und Schwertlilien, Perückenstrauch und Rosskastanie, Löwenmäulchen und Rispenfuchsschwanz und fand nichts weiter als einen alten Pullover des Herrn Grafen und einen blauen Gummistiefel, den der Gärtner am Seerosenteich verloren hatte.

Die Frau Gräfin wollte das jämmerliche Schauspiel rund um ihren einbeinigen Gatten nicht mit eigenen Augen ansehen und zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. Wenn Kornelius ihr frischen Tee oder ihre heiß geliebten Pfefferminztäfelchen brachte, fragte die Frau Gräfin als Erstes nach der Beinprothese ihres Gatten und warf Kornelius angesichts des ausbleibenden Sucherfolgs aus dem Zimmer, indem sie ihn mit einem ihrer größten Kissen bewarf und ihn in einem Atemzug wütend als Tollpatsch, Nichtsnutz und Hängebauchschwein bezeichnete. „Es ist inzwischen beinahe Donnerstag“, rief sie Kornelius wütend hinter her, als dieser schon wieder mit hängenden Schultern Richtung Garten marschierte.

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„Hast du dich schon entschieden?“ *

Eine Frau sonnt sich auf einer Wiese

Eduardo sah mich fragend an. Vom meinem Platz auf der Wiese betrachtet sah er merkwürdig verzerrt aus: Ein riesiger Kopf, der auf dünnen Armen und noch dünneren Beinen saß. Ich kannte ihn erst seit wenigen Minuten. Er war einfach stehen geblieben und hatte mich beim Lesen im Park beobachtet. Minutenlang. Bis ich zurück starrte.

„Ist das Buch gut?“, fragte er.
„Ja.“
„Leihst du es mir?“
Ich schwieg. Sollte ich? Sollte ich nicht? Wer war das überhaupt?
„Ich geb’ dir zwei Flaschen Bier als Pfand dafür!“, sagte er.

Ich stand auf. Eduardo band sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und erzählte ohne Punkt und Komma, warum er in Berlin war. Ich war müde vom Feiern und verstand nur einzelne Wörter: Sprachkurs, Jobsuche, Chillen. Er zog Fotos von seiner Familie aus dem Geldbeutel. Und das Bild von einem Strand in Malaga. Seinem Lieblingsstrand. Als er seine Gitarre in die Hand nahm, ein Jack-Johnson-Lied spielte und lauthals mitsang, gab ich auf. Bier und Buch wechselten ihren Besitzer und wir verabredeten uns für die Rückgabe. Die gleiche Stelle, die gleiche Zeit, drei Tage später.

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