Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin. *

 Ein Legomännchen mit rotem Fahrrad

Konrad hatte die Wohngemeinschaft verlassen, um im Spätkauf ein Paket Butter zu kaufen. Er war alleine im Dienst, sein Kollege Janek hatte frei. An anderen Tagen wäre das kein größeres Problem gewesen. Aber eben nur an anderen Tagen.

Vor ein paar Monaten war Konrad Lang als Sozialarbeiter in der Wohngemeinschaft eingestellt worden. Zusammen mit Janek betreute er drei Männer um die 50: Malte, Henry und E. E hieß eigentlich Emmanuel. Aber niemand nannte ihn mehr so. Schon im Kindergarten war der Name allen zu lang. E riefen sie ihn. Immer nur E.

Unter der Woche fuhren Malte, Henry und E jeden Morgen mit dem Bus zu den Werkstätten. Malte in die Tischlerei, Henry zum Gartenbau und E in einen Fahrradladen. An diesem Abend lag Malte in der Badewanne, Henry bastelte Schneeflocken für seine Modelleisenbahn und E sollte das Holz im Kamin anzünden. Für den Filmabend.

Konrad erwischte E nicht bei den Holzscheiten sondern vor dem offenen Kühlschrank. „Wo ist die Butter?“, fragte E und stampfte wütend mit einem Fuß auf, immer und immer wieder.

„Wir haben keine mehr. Ich gehe später einkaufen“, sagte Konrad.

„Später ist zu spät.“

„Kannst du dein Brot nicht einmal ohne Butter essen?“

„Kein Brot. Ich will Kuchen backen.“

„Na gut. Aber rühr dich nicht von der Stelle.“

Die Haustür fiel krachend hinter Konrad ins Schloss. Auf dem Weg kam er an einer Apotheke vorbei und beschloss, schnell noch  eine Packung Kopfschmerztabletten zu kaufen. Der Abend konnte lang werden. Die Verkäuferin verstrickte ihn in ein Gespräch über die unterschätzte Gefahr von Zeckenbissen und die besten Mittel gegen Orangenhaut bei Männern.

E stand wie fest gefroren in der Küche. Er wartete und wartete und wartete. Dann fiel die Haustür krachend hinter E ins Schloss. Auf der Straße merkte er, dass er nur einen Schuh anhatte. Er humpelte Richtung Spätkauf. Bis ihm einfiel, dass er ohne Geldbeutel unterwegs war. E trat gegen eine Straßenlaterne. Und zwar mit dem schuhlosen Fuß. Sein Schrei war bis in die Apotheke zu hören. E kehrte um und klingelte so lange an der Wohnung, bis Henry ihm mit einer Klebepistole in der Hand die Tür öffnete.

Konrad Lang bekam Seitenstechen, als er zurück zur Wohngemeinschaft rannte. Schon von der Straße aus sah er Rauchschwaden. „Verwechselt, verwechselt“, rief E, als er Konrad entgegen kam. E hatte im Wohnzimmer gestanden und nur an Maria gedacht. Beim Dienst im Fahrradladen war er mit ihr ins Gespräch gekommen. Er hatte ihr eine Klingel für ihr rotes Fahrrad verkauft und sie hatte versprochen, am nächsten Tag wiederzukommen. War das ein Date? Malte sagte: Ja. Henry sagte: Nein. E stellte sich vor, wie er Maria am nächsten Tag einen Kuchen in die Hand drücken und sie zum Kaffee einladen würde. Während er überlegte, was sie wohl antworten würde, begann er zu zündeln. Ein Holzscheit neben dem Kamin fing Feuer. E bemerkte seinen Fehler erst, als der Teppich und die Gardine Feuer fingen. Malte und Henry mussten ihn nach draußen ziehen. Malte trug nur einen Bademantel. Und Henry hatte sich die Klebepistole in den Bund seiner Trainingshose gestopft. Als die Feuerwehr vorfuhr, stand alles in Flammen. Außer dem Holz im Kamin. Es war Konrad Langs letzter Arbeitstag.

* Der erste Satz stammt aus „Small World“ von Martin Suter. Ein Vorschlag von Franziska Jäpel.

Foto: Will Vanlue

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