Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Als Peter Knoppert begann, die Beobachtung von Schnecken zu seinem Hobby zu machen, ahnte er nicht, dass aus seiner ersten Handvoll von Exemplaren in kürzester Zeit Hunderte werden würden.* 

Seine ersten Schnecken bekam er von Mathilda geschenkt. Sie klingelte an seiner Tür, warf ihre knallroten Schuhe achtlos in eine Ecke und ließ sich auf seinen Wohnzimmerteppich fallen. Sie zog ein Einmachglas aus ihrem Rucksack und ließ drei Schnecken über seinen ovalen Designer-Glastisch kriechen. „Schenk’ ich dir“, sagte sie. Später am Tag fuhr er in die Innenstadt, informierte sich in einem Buchladen über das Ernährungsverhalten der Gastropoden und kaufte ihnen ein großes Terrarium. Auf dem Rückweg machte er einen Abstecher in den Wald, sammelte Blätter und Moos, Steine und Äste, Rinde und Erde.

Wenn Peter Knoppert nicht weiter wusste, setzte er sich vor sein Terrarium und beobachte die wellenförmige Sohlenbewegung der Landlungenschnecken. Er verfolgte die langen Schleimspuren, die sich von den bemoosten Steinen über den Rindenmulch zu den Farnen erstreckten. Oder er musterte die quadratischen Löcher in den Blättern, die seine neuen Haustiere mit ihren mit Zähnchen besetzten Raspelzungen auf ihrem Mittagessen hinterließen. Er überlegte, welche Schnecken er sich als Nächstes zulegen sollte: Scheibenschnecken oder Windelschnecken, Schließmundschnecken oder Rucksackschnecken, Punktschnecken oder Dolchschnecken.

Mathildas Besuche bei ihm waren immer unangekündigt, mal kam sie dreimal am Tag, mal jeden zweiten Nachmittag, mal sah er sie tagelang nur aus der Ferne. Bei ihren Besuchen reichte er ihr ein Glas mit Himbeerbrause und sie setzte sich vor sein Terrarium, klopfte mit den Fingerkuppen an die Glaswände und quietschte, wenn zwei Schnecken sich mit den Fühlern betasteten und mit den Fußsohlen aneinander hochkrochen. „Gleich wird der Liebespfeil abgeschossen“, rief sie. Wenn sie beim Abschied in seinem Flur stand und lachte, winkelte sie automatisch ein Bein an. Sie sah dann aus wie ein Flamingo. Mathilda war 42 Jahre jünger als er. Sie war acht.

Peter Knoppert hatte gehofft, dass sich durch Mathildas Besuche der apathische Gesichtsausdruck änderte, mit dem Mathildas Mutter jeden Annäherungsversuch von ihm abwehrte, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Peter Knoppert hatte diese Hoffnung schon bald wieder aufgeben müssen.

„Wusstest du, dass die Schnecke den Kalk zum Schalenaufbau mit der Nahrung aufnimmt? Dass manche Schneckenhäuser nach links und manche nach rechts gewunden sind? Und dass Schnecken mit linksgängigen Häusern so selten sind, dass sie Schneckenkönige genannt werden?“ Mathilda hatte sich informiert, Mathilda hatte ihre Superheldencomics in die Ecke gelegt, Mathilda war eine Schneckenforscherin geworden.

Peter Knoppert hatte sich ebenfalls vorbereitet. Er konnte die Schritte von Mathildas Mutter von den Schritten der anderen Hausbewohner unterscheiden. Er lauerte hinter der Wohnungstür, um Mathildas Mutter zufällig im Treppenhaus zu begegnen. Sie kam ihm mit Einkaufstüten in den Händen entgegen. „Hallo“, sagte er. „Wie geht’s“, sagte er. „Kann ich tragen helfen?“, sagte er. Mathildas Mutter antwortete nicht, sie wollte sich an ihm vorbei drängen. Er zog das aktuelle Kinoprogramm aus der Tasche und legte es in eine ihrer Einkaufstüten, auf die Cocktailtomaten und den Bergkäse. Er hatte alle Filme, die gut klangen, mit einem roten Edding markiert. „Morgen abend, 20 Uhr, Kino am Friedenspark. Du bist eingeladen und darfst den Film aussuchen“, stand in der unteren Ecke des Programms. Sie stieg wortlos die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf, zog einen Apfel aus der Tüte und biss geräuschvoll hinein. Von Mathilda erfuhr er ein paar Tage später, dass ihre Mutter seit neustem die Abende im Kino verbrachte, alleine.

Es war still in Peter Knopperts Terrarium geworden. Eine einzige Schnecke wanderte gemütlich von einer Champignonscheibe zu einem großen Stein. Waren die anderen Schnecken über die Ränder des Terrariums gekrochen, vom Tisch auf den Boden, vom Boden zum Bett? Er hob ein Stück Rinde an und entdeckte eine weitere Schnecke neben einem Gelege von unzähligen, winzigen Eiern. Während der nächsten Tage schlüpften in allen Ecken des Terrariums Hunderte Babyschnecken mit durchscheinendem Gehäuse aus den Eiern. Er zählte den Nachwuchs mehrmals und kam auf 317 oder 297 oder 341 Schnecken.

Peter Knoppert lief in den vierten Stock, eine große Tüte in jeder Hand. Auf dem Rücken ein Wanderrucksack. Er hatte unzählige Einmachgläser gekauft und mit Moos und Erde ausgepolstert. In jedem Glas wohnten ein paar Schnecken. Er wollte Mathilda abholen, mit ihr in die Stadt fahren, Schneckengeschenke verteilen. Mathildas Mutter öffnete ihm und starrte auf die Einmachgläser in seinen Tüten, die Schneckenfühler an den Glasdeckeln. „Kaffee?“, fragte sie. „Ich habe ganz vergessen, dir zu erzählen, wie sehr meine Mutter Schnecken liebt“, rief Mathilda aus ihrem Zimmer.

* Der erste Satz stammt von Patricia Highsmith. Entdeckt in Elisabeth Tova Baileys wunderbarem Buch „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“.

Foto: oli.schulz3

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