Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Er hatte dieses wunderbare Bild gemacht und online gestellt, es war wie ein Symbol, ein visuelles Mantra, und dann änderte sich alles. *

Ein Spielzeughund auf Rollen vor einer grünen Wand

Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken. Das Bild von ihr gefiel 112 Leuten und war wie ein Kettenbrief durch das Netz gewandert. Eine Freundin hatte sie sofort erkannt, auch mit verschwitztem Gesicht und wehenden Haaren. Jette, schrieb die Freundin, wie geht es dir und warum sucht dich dieser Mann?

Es hatte beim Tanzen begonnen: Sie hatte ihre Brille verloren, war über seine Füße gestolpert und er hatte sie wieder nach oben gezogen. Dann schob er sie durch die Menge zur Bar, gab ihr eine Berliner Weiße mit Waldmeistergeschmack aus und während sie ihre Brille wieder in Form bog, erzählte er ihr von seinem Job als Fassadenkletterer. Sie unterhielten sich über Solobegehungen, Außenrotatoren und isometrisches Training, auch wenn die laute Musik die Hälfte ihrer Sätze verschluckte. Als alle anderen den Club verlassen hatten, räusperte die Kellnerin sich mehrmals und bat sie zu gehen. Ich hab Feiermorgen, sagte die Kellnerin, drapierte die Barhocker wie Mahnmale auf dem Tresen und knipste zum Aufräumen das Neonlicht an. Jette hakte sich bei dem Fassadenkletterer unter und sie liefen Richtung Ausgang. Dort hielt er sie an der Schulter fest und schrieb seine Nummer auf ihren Arm. Ein Edding-Tattoo.

Sie hatte nicht weit zu laufen und er begleitete sie noch ein Stück. Nur bis zur nächsten Straßenecke, sagte er. Und an der nächsten Straßenecke sagte er: Nur noch bis zum Spielplatz. Sie setzten sich in das Indianertipi und stellten Listen auf. 5 Prominente, denen du niemals über den Weg laufen möchtest?, fragte er. Mario Barth, Mario Barth, Mario Barth, Mario Barth und Mario Barth, sagte sie. Du schummelst, sagte er und kniff sie in den Arm. 5 Dinge, die du mitnehmen würdest, wenn dein Haus brennt?, fragte sie. Die Hängematte, mein Schweizer Taschenmesser, den Weisheitszahn meiner Oma, das Sparschwein und dich.

Über der Wippe ging die Sonne auf. Er rieb sich die Augen, die Finger knackten. Seine Haare waren ein Kompass: sie zeigten ihr alle Himmelsrichtungen. Dann sein Blick auf die Uhr. Ich muss los, sagte er, meine Nummer hast du ja. Also: Ruf. Mich. An. Sie lachte  und nach ein paar Metern verschluckten ihn die Baumkronen. Ohne ihn sah sie alles mit anderen Augen: Es war viel zu spät. Wie konnte sie nur.

Sie lief nach Hause. Auf dem Tisch stand eine leere Flasche Wein, die Babysitterin war auf dem Sofa eingeschlafen. Jette weckte sie, gab ihr doppelt so viel Geld wie sonst und legte sich in Kleid und Strumpfhosen ins Bett. Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Sie duschte eiskalt und schnitt Grimassen vor dem Spiegel, um wach zu werden. Mama, schrie ihr Sohn. Hunger, schrie ihr Sohn. Sie wärmte ein Glas Karottenbrei in der Mikrowelle auf und fütterte den Kleinen. Die Zahlen auf ihrem Arm waren verblasst. War das eine 9 oder eine 8? Eine 7 oder 1? Sie wählte alle möglichen Zahlenkombinationen und sprach mit dem mürrischen Hausmeister einer Boxhalle, dem Angestellten eines Pizzalieferservices, der sich sofort mit ihr verabreden wollte, und einem Mädchen, das alleine zu Hause war. Er war nicht dabei. Und niemand kannte ihn. Sie verfluchte ihre mangelnde Voraussicht und ihr schlechtes Gedächtnis.

Zwei Wochen lang hielt sie in der Stadt Ausschau nach ihm. Bei jedem Hochhaus wanderte ihr Blick automatisch nach oben, doch außer Fassadenreinigern war niemand zu sehen. Sie beschleunigte ihren Schritt, damit ihr das Putzwasser nicht auf den Kopf tropfte. Ihr Bauch zwickte, wenn sie daran dachte, dass in der Stadt mehr als 3,5 Millionen Menschen unterwegs waren. Bis ihr die Freundin das Foto schickte. Jette streckte eine Faust in die Höhe, rollte mit dem Schreibtischstuhl über den Parkettboden und suchte nach Sätzen, die sie ihm schreiben konnte. Im Radio lief ein Lied von Ella Fitzgerald und ihre Füße wippten im Takt. Als ihr Blick auf den Spielzeughund fiel, hielt sie inne. Er ahnte nicht, dass sie winzige Mützen strickte, in der ganzen Wohnung Schnuller suchte und abends mit verstellter Stimme Geschichten vorlas. Er wusste so wenig über sie. Ihr Bauch zwickte stärker als jemals zuvor.  Sie ging zum Telefon.

Aber Jette, sagte die Freundin, wenn er dich alleine mag, mag er dich auch zu zweit.

 

* Der erste Satz stammt von Helge Koops

Foto: Mark Barkaway

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