Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
RSS Feed

 

Es war inzwischen beinahe Donnerstag und noch immer hatte man die Beinprothese des Herrn Grafen nicht gefunden. *

Kornelius, der kleinwüchsige Bedienstete mit der Hornbrille, hatte seinen Tagesrhythmus umgestellt und durchforstete den Garten der Villa nach der Gehhilfe, die der Herr Graf für ein Mittagsschläfchen in der Sonne abgenommen hatte und die nach seinem Erwachen auf einmal spurlos verschwunden war. Hatte der Hund des Hauses sich einen Spaß erlaubt? War ein Kind im Spiel? Wollte einer der Bediensteten dem Grafen einen üblen Scherz spielen? Kornelius suchte zwischen Rhododendren und Schwertlilien, Perückenstrauch und Rosskastanie, Löwenmäulchen und Rispenfuchsschwanz und fand nichts weiter als einen alten Pullover des Herrn Grafen und einen blauen Gummistiefel, den der Gärtner am Seerosenteich verloren hatte.

Die Frau Gräfin wollte das jämmerliche Schauspiel rund um ihren einbeinigen Gatten nicht mit eigenen Augen ansehen und zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. Wenn Kornelius ihr frischen Tee oder ihre heiß geliebten Pfefferminztäfelchen brachte, fragte die Frau Gräfin als Erstes nach der Beinprothese ihres Gatten und warf Kornelius angesichts des ausbleibenden Sucherfolgs aus dem Zimmer, indem sie ihn mit einem ihrer größten Kissen bewarf und ihn in einem Atemzug wütend als Tollpatsch, Nichtsnutz und Hängebauchschwein bezeichnete. „Es ist inzwischen beinahe Donnerstag“, rief sie Kornelius wütend hinter her, als dieser schon wieder mit hängenden Schultern Richtung Garten marschierte.

Die Beinprothese des Herrn Grafen war eine Spezialanfertigung. Nach ausführlichen Messungen hatte der Orthopäde 21 Tagen daran gearbeitet. Längst hatte Kornelius ein Duplikat bei ihm angefordert, doch bis Donnerstag konnte und wollte der Orthopäde keine neue Beinprothese anfertigen, egal wie viel Geld die Frau Gräfin ihm dafür versprach. Es mangele Kornelius offenbar am tiefergehenden Verständnis für die hohe Kunst der Prothesen, sagte der Orthopäde und warf den Bediensteten aus dem Laden. Also suchte Kornelius im Garten der Villa zwischen Engelwurz und Wiesenkerbel, Magnolien und Wunderblumen, Flieder und Tulpenbaum nach der Gehhilfe und fand nichts weiter als ein durchweichtes Vogelbestimmbuch und den zweiten Gummistiefel des Gärtners.

An diesem Donnerstag wollte die Frau Gräfin nicht nur ihren Geburtstag feiern, es hatte sich auch ein Vertreter der Regierung angemeldet, der sie für ihr Engagement zum Schutz der Asiatischen Wasserschildkröte auszeichnen wollte. Vor allem das Schicksal der Glattrückigen Schlangenhalsschildkröte, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stand, hatte es der Frau Gräfin angetan und sie ließ Vorträge organisieren, in denen über die Schildkrötenarten informiert wurde, die aufgrund eines zusätzlichen Atmungsorgans zwar 15 Stunden am Stück tauchen konnten, den vielen Schmugglern allerdings nicht entkommen konnten. Zur Feier des Tages ließ die Frau Gräfin einen Sektempfang organisieren, für den die Bediensteten die ganze Villa mit Rosenblüten und bunten Bändern schmücken mussten. Vertreter mehrerer Zeitungen und Magazine hatten sich angekündigt und wollten ihre Fotografen mitbringen, um die Frau Gräfin mit der Auszeichnung und dem Gatten ablichten zu können. Doch einbeinig komme ihr Gatte nicht mit auf das Bild, auf gar keinen Fall, das Urteil der Frau Gräfin stand fest.

Der Herr Graf fügte sich in sein Schicksal und zog sich während der Feier seiner Gattin auf seinen Lieblingsplatz im Garten zurück. Einbeinig saß er auf der Bank aus Eichenholz, in der Hand eine große Kiste mit seinen Lieblingsinsekten. Mit einer Lupe begutachtete er den braunroten Oberkiefer des Hirschkäfers, die kräftigen Mundwerkzeuge des Berg-Sandlaufkäfers und die langen Fühler des Moschusbocks. Als in der Villa die Journalisten ihre Notizbücher einsteckten und die Fotografen ihre Stative einklappten, lief Kornelius zum Grafen, um ihn mit eisgekühlter Limonade, frischen Erdbeeren und Butterkeksen aufzuheitern und das weitere Vorgehen angesichts der nach wie vor unauffindbaren Beinprothese mit ihm zu besprechen. Als der Herr Graf hörte, dass alle geladenen Gäste die Villa wieder verlassen hatten und seine Gattin sich mit einer hartnäckigen Migräne in ihr Schlafzimmer zurück gezogen hatte, wo sie für den Rest des Tages nicht mehr gestört werden wollte, klappte er die Kiste mit den Insekten freudig zu. „Wenn Sie so freundlich wären, die Sockenschublade in meiner Biedermeierkommode zu durchsuchen“, sagte der Graf zu Kornelius, „wer weiß, wer weiß, was sie unter meinen mintgrünen Strümpfen hervor ziehen werden.“

* Der erste Satz stammt aus Edward Goreys „Ein sicherer Beweis“ (The Object Lesson). Ein Vorschlag von Saša Stanišić.

Foto: Melissa Gray

Leave a Reply