Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Guter Whisky schmeckt nach Rauch.*

Gelbes Herz auf einer grünen Wiese

Jan saß in seiner Küche und sprach mit sich selbst. Er hielt kurze Vorträge über seine schottischen Whiskys, die er vor sich auf dem Tisch aufgereiht hatte. In Ermangelung eines Gesprächspartners lobte er mit verstellter Stimme den malzig-süßen Geschmack des Glenfiddich und den milden Torfrauch im Abgang. Nippte am Ardbeg Uigeadail und genoss die aromatische Rauchnote, die von einer delikaten Fruchtigkeit verfeinert wurde. Er strich über das Etikett des Bunnahabhain-Whiskys, dessen ölig-nussiger Stil ihm so zusagte. Die Flaschen waren alle fast leer und er wusste, dass er seine Sammlung so schnell nicht wieder aufstocken konnte.

Seit einem Vierteljahr ging Jan regelmäßig zum Arbeitsamt in der Müllerstraße und sprach mit seiner Sachbearbeiterin über Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 45 SGB III. Dienstags und freitags baute er einen kleinen Stand auf dem Wochenmarkt auf dem Nettelbeckplatz auf und versuchte, seine selbst gezeichneten Comics zu verkaufen. Doch da die Nachfrage nach Kartoffeln und Zwiebeln, Brokkoli und Zucchini bedeutend größer war als das Interesse an seinen kleinen Kunstwerken, wog seine Tasche auf dem Rückweg genauso schwer wie auf dem Hinweg. Abends saß er am Küchentisch, schnupperte an den leeren Whiskyflaschen und dachte an die Tage zurück, an denen er noch eine Freundin gehabt hatte.

Eléna kam aus Griechenland, arbeitete während der Sommermonate im Hotel ihrer Eltern und verbrachte die Winter bei ihm in Berlin. Er besuchte einen Sprachkurs an der Volkshochschule, aber die meiste Zeit unterhielten sie sich auf Englisch. Als er an seine Stelle verlor, konnte er sich seine große Wohnung in Prenzlauer Berg nicht mehr leisten. Nachdem er die ersten Wohnungsbesichtigungen hinter sich gebracht hatte, rief er sie an.

I am moving to Wedding, sagte er.

You make me so happy, antwortete sie und er wunderte sich über ihre freudige Reaktion.

Der Wedding war keines der Szeneviertel, in denen jeder wohnen wollte. Die meisten seiner Freunde bemitleideten ihn, dass er sich keinen glamouröseren Kiez mehr leisten konnte. Er hingegen fühlte sich bei der Wohnungssuche von dem Industriecharme der ehemaligen Fabriken angezogen und die vielen Spielsalons und Dönerbuden waren ihm lieber als Kindercafés und Latte-Macchiato-Mütter. Seine Wohnung lag zwischen einem linken Wohnprojekt und dem Gesundheits- und Pflegezentrum „Goldenherz“, an der Straßenecke befand sich das Vereinshaus der Roadfighter. Eine unschlagbare Mischung, wie er fand.

Als er Eléna beim nächsten Telefonat die Gegend beschreiben wollte, sprach diese nur noch von Hochzeitseinladungen und Wunschzetteln, möglichen Standesamt-Terminen und Stretchlimousinen. Sie hatte bereits weiße Kleider in Größe 38 anprobiert und als er ihr das Missverständnis behutsam erklären wollte, legte sie auf. Seit der Trennung seiner Eltern hatte er sich geschworen, niemals zu heiraten. Egal, wie glücklich eine Beziehung auch sein mochte. Marry me or I leave you, sagte Eléna. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein einziger Satz mehr wiegen sollte als vier gemeinsame Jahre. Doch er irrte sich. Eine Woche später war ihre Telefonnummer nicht mehr vergeben und seine Briefe kamen ungeöffnet zurück. Nach der Trennung dachte er an Eléna, wenn er auf dem Wochenmarkt saß. Er dachte an Eléna, wenn ihn in der Eckkneipe eine Frau ansprach und er wortlos die Flucht ergriff. Er dachte beim Frühstück, beim Mittagessen und beim Abendbrot an Eléna.

Auch die Stimmung in seinem Kiez hatte sich verändert. Nach einem Überfall auf das linke Wohnprojekt waren die Bewohner in Aufruhr. Ein paar Roadfighter gehörten zum Kreis der Verdächtigen und ihr Vereinshaus wurde geräumt. Wenige Tage später verschwanden die dunklen Vorhänge, die das Ladenlokal lange vor neugierigen Blicken geschützt hatten. „My Wedding“ stand auf dem neuen Schild über der Tür. Ein Angestellter dekorierte das Schaufenster mit Brauttaschen und Hüten, rückte die Kleider der Schaufensterpuppen zurecht und fuhr mit dem Staubwedel über das Leder der weißen High-Heels. Er zuckte zusammen, als die Türglocke ertönte. Jan lief an ihm vorbei und näherte sich den Kleidern in Größe 38.

* Der erste Satz stammt aus „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholsky. Ein Vorschlag von Jochen Dieterlen.

Foto: David Goehring

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