Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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„Hast du dich schon entschieden?“ *

Eine Frau sonnt sich auf einer Wiese

Eduardo sah mich fragend an. Vom meinem Platz auf der Wiese betrachtet sah er merkwürdig verzerrt aus: Ein riesiger Kopf, der auf dünnen Armen und noch dünneren Beinen saß. Ich kannte ihn erst seit wenigen Minuten. Er war einfach stehen geblieben und hatte mich beim Lesen im Park beobachtet. Minutenlang. Bis ich zurück starrte.

„Ist das Buch gut?“, fragte er.
„Ja.“
„Leihst du es mir?“
Ich schwieg. Sollte ich? Sollte ich nicht? Wer war das überhaupt?
„Ich geb’ dir zwei Flaschen Bier als Pfand dafür!“, sagte er.

Ich stand auf. Eduardo band sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und erzählte ohne Punkt und Komma, warum er in Berlin war. Ich war müde vom Feiern und verstand nur einzelne Wörter: Sprachkurs, Jobsuche, Chillen. Er zog Fotos von seiner Familie aus dem Geldbeutel. Und das Bild von einem Strand in Malaga. Seinem Lieblingsstrand. Als er seine Gitarre in die Hand nahm, ein Jack-Johnson-Lied spielte und lauthals mitsang, gab ich auf. Bier und Buch wechselten ihren Besitzer und wir verabredeten uns für die Rückgabe. Die gleiche Stelle, die gleiche Zeit, drei Tage später.

Als ich am Treffpunkt erschien, lag Eduardo schon im Park. Er sonnte sich mit geschlossenen Augen und fuhr zusammen, als ich ihn mit der Schuhspitze antippte.

„Wo ist das Pfandbier?“, fragte er.
„Ausgetrunken. Und wo ist mein Buch?“
„Ausgelesen.“
„Gibst du es mir nicht zurück?“
„Erst will ich meine Flaschen zurück!“
Ich schüttelte den Kopf. „Du bist ein Pfennigfuchser!“
„Du Kopfdick!“, sagte Eduardo.
„Das heißt Dickkopf!“
„Ihr mit euren komischen Wörtern. Das kann sich doch niemand merken.“

Eduardo schrie fast. In unserer Nähe hoben alle die Köpfe und musterten uns. Als nichts weiter geschah konzentrierten sie sich wieder auf ihr Picknick, ihre Bücher, ihre Gespräche. Eduardo und ich starrten uns eine Weile wortlos an. Es war wie in dem Kinderspiel: Wer zuerst blinzelt, verliert.

Eduardo wandte sich ab. Die Sonne war hinter einer dunklen Wolke verschwunden. Die Leute im Park falteten ihre Picknickdecken zu Quadraten und verließen den Park. Die Wettervorhersage sagte es schon: Am Abend nichts als Regen. Während die ersten Regentropfen fielen, begann Eduardo Flaschen zu sammeln. Als ihm ein Teil des Leerguts aus den Armen fiel, verschwand er zum Späti. Auf dem Rückweg klimperten seine Hosentaschen bei jedem Schritt. Er blieb vor mir stehen, in den Händen zwei volle Bierflaschen.

„Frieden?“, fragte er und reichte mir eine der Flaschen.
„Frieden!“, sagte ich.
Wir begannen über das Buch zu reden.
„Der Anfang ist gut, in der Mitte hängt es durch und das Ende ist falsch“, sagte Eduardo.
„Warum falsch?“, fragte ich.
„ Die Frau verschwindet einfach. Das ist falsch.“
„Sie weiß keinen Ausweg. Das ist nicht falsch, das ist nur pragmatisch.“
„Ich muss mit der Frau reden.“
„Die Frau wohnt in dem Roman. Wie soll das gehen?“
„Ich suche sie im Buchtelefon.“
„Eduardo, das heißt…“

Es war dunkel geworden. Wir liefen gemeinsam zur nächsten U-Bahn-Station. Was Eduardo nicht wusste: es war mein Lieblingsbuch. Ich hatte es 37 Mal gelesen und jeden Tag dabei. Ich fühlte in meiner Rocktasche nach, ob das Flugticket noch da war. Am Morgen hatte es noch nach einem großartigen Plan geklungen: Wie die Frau in meinem Roman würde ich allen Problemen davon fliegen. Auf und davon sein. Eduardos Kopf wackelte beim Gehen hin und her. Über unseren Köpfen flogen kleine Tiere. „Hast du das gesehen?“, fragte Eduardo, „da war eine Mausfleder!“ Ich verbesserte ihn nicht mehr. Was war schon falsch, was war schon richtig.

Als ich fast im U-Bahnschacht verschwunden war, rief Eduardo noch einmal meinen Namen. Ich drehte mich um.
„Du hast das Buch vergessen!“, rief er.
„Ich schenk’ es dir. Schreib es um!“
Eduardo lachte. „Du hast Recht. Ich schreibe das Ende richtig!“
In der U-Bahn holte ich das Ticket aus meiner Tasche und zerriss es in kleine Stücke.

* Der erste Satz stammt von Frauke Czeremin.

Foto: Daniel Horacio Agostino

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