Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Ich stand auf dem Bahngleis, ein Polaroid von Kinga und ihren Eltern in den Händen, das ich bis zur Abreise zwischen dem fünften und sechsten Band meiner Enzyklopädie versteckt hatte. 

Ein Stück Dobostorte

Ich betrachtete die Gesichter, hörte wieder Kingas lautes Lachen. Wenn wir die Promenade am Hafen entlangspaziert waren, zog sie ihren Rock ein Stück nach oben, und alle Jungs drehten sich nach ihr um. Ich sah Csaba vor mir, wie er mich mit seinen kräftigen Händen in der Luft herumschwang. Fliegengewicht, nannte er mich. Und ich dachte an Èvas lange Umarmungen, an den Kokosduft ihrer dicken braunen Haare. Oder war es Vanille?

Zehn Jahre waren vergangen, seit ich auf den schmalen Wegen rund um unser Ferienhaus die Schritte zum See gezählt hatte. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und versuchte, die Ritzen zwischen den Asphaltsteinen nicht zu berühren. Es brachte Unglück, wenn man auf die Linien trat, so viel war klar, ich fragte mich nur, was genau passieren würde und ob ich es herausfinden wollte. Nein, dachte ich, besser nicht. Als mich ein Kirschkern am Hinterkopf traf, war das Spiel vergessen. Ich sah mich nach allen Richtungen um und entdeckte ein Mädchen im Garten der Nachbarn, sie saß im Kirschbaum und winkte. Ich kletterte über den Zaun, und sie warf mir ein paar Kirschen aus den Ästen herunter. Nach einer Weile kamen ein bärtiger Mann und eine Frau mit einem bunten Haarband auf mich zu. Sie deuteten mit dem Zeigefinger auf sich und nannten mir ihre Namen: Èva. Csaba. Das Mädchen im Kirschbaum schüttelte den Kopf, weil ich den Namen ihres Vaters so falsch aussprach. Tschobbo, sagte sie wieder und wieder zu mir, bis ich es halbwegs fehlerfrei imitieren konnte. Erst dann erfuhr ich ihren Namen.

Das ist Kinga, sagte Èva auf Deutsch und zog mich unter ihren Sonnenschirm, wo sie mir ein Glas mit Holunderlimonade reichte.

Selbstgemacht, sagte sie.

Ich nahm einen Eiswürfel in den Mund und schob ihn mit der Zunge zwischen den Zähnen hin und her. Wenn sie etwas auf Deutsch sagten, kicherte ich. Es klang, als würden sie singen. Sie wollten mehr über mich wissen und mussten mir die Antworten häppchenweise entlocken. Kinga zupfte ungeduldig an Èvas Kleid und zog mich zurück unter den Kirschbaum.

Wie alt bist du, fragte sie.

Vierzehn. Und du?

Vierzehn Jahre und sieben Monate.

Sie zog ein Notizheft aus der Rocktasche.

Was ist das?

Mein Tagebuch. Oder besser gesagt: Das Buch über meinen Schwarm. Sagt man das so, Schwarm?

Ich nickte.

Hast du auch einen Schwarm?

Nein, noch nicht.

Sie sah mich betreten an.

Wir können uns meinen teilen.

Sie beschrieb mir den Jungen, den sie in diesem Urlaub kennengelernt hatte und den sie seitdem erobern wollte, um jeden Preis. Es war der Sohn des Tretbootverleihers, er hatte lange Beine und Sommersprossen auf der Nase, und seit er Kinga an einem Nachmittag das Schmetterling-Schwimmen beigebracht hatte, war es um sie geschehen. Sie studierte jede seiner Bewegungen aus der Ferne und hielt sie in ihrem Heft fest, sie überlegte sich Sätze, die sie zu ihm sagen würde, und wusste bereits, wie ihr erster Kuss aussehen würde.

Warum hast du noch keine Brüste, fragte sie.

Ich zuckte mit den Schultern.

Willst du meine sehen?

Sie zog ihr T-Shirt hoch, bevor ich antworten konnte.

Im Frühling waren sie winzig, aber langsam wachsen sie, zum Glück, ich habe schließlich lange darauf gewartet.

Wir pflückten uns Kirschen von den Ästen und beim Wettspucken der Kerne gewann ich haushoch. Kinga fluchte und versuchte krampfhaft, meine Rekorde zu brechen.

Ohne Brüste hast du bei den Jungs verloren, sagte sie.

 

Das sind die ersten Sätze und Seiten aus meinem Debütroman „Das letzte Polaroid“, der am 17. Februar 2014 bei Blumenbar im Aufbau Verlag erscheint.

 

Polaroid: Stephan Sahm

 

 

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