Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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„Als ich erwachte, sah ich, dass sich ein einzelner Zombie unter mein bescheidenes Versteck verirrt hatte.“ *

Ein Zombiewalk

Nils sah mich erwartungsvoll an. „So geht das schon seit Wochen. Und es sind nicht nur Zombies. Einmal habe ich mich nachts in den Verteidigungsminister verwandelt und sollte im Schlafanzug nach Afghanistan reisen, einmal wurde ich von einer Horde riesiger Kaninchen mit erhobenen Äxten verfolgt. Jedes Mal wundere ich mich mitten im Traum, dass ich so seltsam träume. Was bedeutet das?“ Ich zuckte ratlos mit den Schultern und musterte die Kleinfamilienfotos an den Wänden. Vier Jahre hatten wir uns nicht gesehen, Nils und ich, und schon erkannte ich ihn nicht mehr wieder. Der alte Nils hatte für eine Weltreise gespart, war an der Uni im 17. Semester eingeschrieben und mochte keine Hochzeiten. „Wenn ich jemals heirate, dann nur mit Plastikringen, Polaroidfotos und einem Menü bei McDonalds“, sagte er, als fast unser ganzer Freundeskreis Versprechungen für die Ewigkeit machte.

Während wir auf Kaffee und Kuchen warteten erfuhr ich, dass der neue Nils mit einem Einserabschluss die Uni beendet hatte, an einem Gymnasium als Deutsch- und Geschichtslehrer arbeitete und seit vier Monaten mit Anna verheiratet war. Der Ring an seiner Hand war aus Silber. Und ihr gemeinsamer Sohn Finn lernte gerade laufen. Der Kleine stolperte durchs Zimmer, hielt sich schwankend an der Decke des Wohnzimmertischs fest. Bücher, Zettel und Stifte fielen herunter. Nils reagierte langsam. „Komm her, Finn, komm.“ Finn setzte einen Fuß vor den anderen, schwankte mit dem Oberkörper nach links und nach rechts. Auf dem Weg zu Nils stolperte er über die Bücher, Zettel und Stifte auf dem Boden. Finn brüllte. Und wie eine aufgezogene Spieluhr hörte er damit so schnell nicht mehr auf. Nils reagierte langsam. Er zog den Kleinen zu sich, streichelte ihm über den Kopf und tröstete ihn. Anna kam mit einem Blech Schokoladenmuffins aus der Küche. „Musst du deine Sachen immer im Wohnzimmer herum fliegen lassen?“, fragte sie. Nils antwortete nicht. Mit stoischer Ruhe räumte er die Bücher zurück ins Regal, die Zettel in den Flur, die Stifte in sein Arbeitszimmer.

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„Ganz egal woran ich gerade denke, am Ende denke ich immer nur an dich.“ *

Simons Musik dröhnte durch das ganze Ferienhaus. Er hatte sich im Zimmer eingeschlossen, reagierte nicht auf die lauten Rufe von Karl und war nicht einmal zum Frühstück nach unten gekommen. Als sich die Zimmertür mittags immer noch nicht in den Angeln bewegt hatte, stellte Karl ein paar Scheiben Toast und ein Glas Nutella vor Simons Zimmer und schob einen Zettel unter der Tür durch. Nichts passierte. Karl setzte sich auf die Veranda, die nackten Füße im Gras. Neben ihm stand die ausgebeulte Angeltasche mit den Karpfenruten, dem Kescher, den Ködern. Er beobachtete die Kinder im Nachbarsgarten, die kreischend Fangen spielten. Auf dem See schnatterten Enten, die Bäume bogen sich im Wind.

Simon hatte sich das Wochenende mit seinem Großvater zum 18. Geburtstag gewünscht. Angeln, im See schwimmen, grillen. Sie hatten alles bis ins letzte Detail geplant. Doch seit seiner Ankunft hatte Simon nur einsilbige Antworten gegeben und sich die restliche Zeit im Zimmer verbarrikadiert. Nur einmal ging das Fenster kurz auf, als Simon ein Foto zerriss und die Fetzen wie dicke Schneeflocken in den Garten rieseln ließ. Karl puzzelte das Foto Stück für Stück wieder zusammen. Seitdem wusste er, dass es um ein Mädchen ging. Und dass das Mädchen kurze blonde Haare hatte.

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Nun bin ich also da, angekommen im dicken B., glücklich.*

Eine Ampel vor blauem Himmel

Es ist Sommer. Ein fast wolkenloser Sommer. Alice und ich laufen durch die Straßen, in der Hand ein Eis mit drei Kugeln. Es ist unser erster Monat in der Hauptstadt, fernab von den Eltern. Unser erstes Semester an der Uni hat noch nicht begonnen und wir lassen uns treiben. Wir schlafen bis mittags, dann ziehen wir los. Stundenlang laufen wir durch das Viertel oder fahren mit der U-Bahn von der einen Ecke der Stadt in die andere. Ziellos. Alice hat ihre Kamera um den Hals gehängt und fotografiert die Passanten, die Graffitis, sogar die Ampelmännchen. Da fällt mir Jonas wieder ein. Ausgerechnet Jonas.

„Jonas?“, fragt Alice, „wer war noch einmal Jonas?“ „Ein Junge aus meiner Nachbarklasse. Das Ganze ist Jahre her. Ich war 14 und hatte mein ganzes Tagebuch mit Jonas-Gedanken gefüllt. Das längste Kapitel hieß: ‚Was ich zu Jonas sagen könnte, wenn ich ihm eines Tages zufällig über den Weg laufe und er stehen bleibt‘. Wir liefen uns oft über den Weg, Jonas und ich. Aber er blieb nicht stehen. Nie.

Alice und ich setzen uns in den Park. Alice breitet ihre gepunktete Decke aus und legt sich in die Sonne. „Erzähl weiter!“, murmelt sie. „Bis ich beim Schullauf gestartet bin und Jonas auf der Tribüne entdeckt habe. Auf einmal lief ich schneller als jemals zuvor, überholte die anderen nach einer halben Runde. Ich hielt den Vorsprung bis ins Ziel. Jonas sprang vom Sitz auf, streckte die Faust in die Höhe. Die Anstrengung war vergessen. Er lief die Treppen herunter, kam zu mir auf die Aschenbahn. Während ich meine Spikes auszog, fragte er, ob ich Lust auf ein Eis hätte. Ich nickte. Auf dem Weg zur Eisdiele schob er seine Hand in meine. Wortlos. Danach waren wir ein Paar. Wir sprachen nicht darüber. Aber er wartete jeden Tag nach dem Unterricht auf mich und brachte mich nach Hause.

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„Welche Erfahrungen hast du mit Bypass-Operationen gemacht?“ *

Es ist acht Uhr morgens. Omas Anruf reißt mich aus dem Schlaf. „Ich bin im zweiten Semester!“, antworte ich krächzend. „Das haben wir noch nicht behandelt.“ Doch Oma lässt sich nicht abschütteln. „Du musst doch irgendetwas über Bypass-Operationen wissen! Bringen sie dir denn nichts bei an der Uni?“ Ich laufe in Boxershorts zum Regal, ziehe eines meiner Medizinbücher hervor. „Überbrückung verengter Herzgefäße durch eine Umleitung. Zur Überbrückung dienen kleine Venenstücke aus dem Unter- oder Oberschenkel.“ Sie ist zufrieden. Merkt nicht, dass ich ihr aus einem Buch vorlese. „Bis bald“, sagt sie und legt auf.

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon wieder um 8 Uhr. „Was ist eine Herz-Lungen-Maschine? Und wie hoch ist das Herzinfarktrisiko bei einer Bypass-Operation?“ Oma ist im Gegensatz zu mir hellwach. „Warum willst du das alles wissen?“, frage ich.
„Liese muss ins Krankenhaus. Sie wollen sie am Herzen operieren. Da muss ich doch Bescheid wissen.“ Liese ist ihre Nachbarin. Seit sechzig Jahren wohnen sie Tür an Tür. Und seit ihre Männer gestorben sind, verbringen sie jeden Nachmittag zusammen. Bei Kaffee und Kuchen. Nach einem kurzen Schweigen sagt meine Oma noch: „Wir müssen uns mal wieder sehen!“
„Vielleicht im Sommer. In den Semesterferien.“
„Dann bringst du deine neue Freundin mit! Wie heißt sie nochmal? Nein, warte, das weiß ich doch. Das hast du mir schon gesagt. Sabine. Nein. Sandra. Nein. Jetzt weiß ich es wieder. Sara. Stimmt’s?“ Sie wartet meine Antwort nicht ab. „Wenn ihr kommt, backe ich eine Schwarzwälderkirschtorte für euch!“

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Aber Micha starb nicht. *

„Es kann sich nur noch um Stunden handeln“, hatte der Arzt gesagt. Die ganze Familie eilte daraufhin ins Krankenhaus. Alle wollten Micha ein letztes Mal sehen. Selbst ein paar entfernte Cousinen waren gekommen.  Jeder hatte ihm ein letztes Geschenk mitgebracht. Micha war entkräftet. Konnte nicht mehr aufstehen. Er bat die Familie, die Geschenke für ihn auszupacken. Und auf der Fensterbank aufzureihen, damit er sie immer sehen konnte. In der Reihe standen: selbstgestrickte Socken von seiner Schwester Josefine. Eine Flasche Whisky von seiner Stammtischrunde. Ein ferngesteuertes Auto von seinem Enkel Tom. Ein Bildband mit Aktfotografien von seinem Nachbarn. Ein Nierenwärmer von den Cousinen. Und eine Schachfigur von mir.

Seit der Hiobsbotschaft des Arztes war eine Woche vergangen. Micha lebte noch. Er lag in seinem Bett, eingewickelt in mehrere Decken. Wenn niemand bei ihm war, beobachtete er die Sturzflüge der Vögel vor seinem Fenster. Oder er dachte sich ausgeklügelte Schachzüge aus. Die letzten Partien gegen ihn hatte ich immer gewonnen. Wenn er verlor, ließ er seine Faust auf den Tisch sausen. „Sapperlot“, sagte er dann, „heute ist einfach nicht mein Tag!“ Ich hatte Micha versprochen, jeden Nachmittag vorbeizukommen. Und ich hielt mich daran.

Micha war mein Mitbewohner. Er war sechzig Jahre alt. Doppelt so alt wie ich. Seit dem Tod seiner Frau vermietete er ein Zimmer in seiner Wohnung an mich weiter. Er wollte nicht alleine sein. Abends spielten wir Schach und tranken Wein dazu. Bis die Hausverwaltung allen Mietern ein Schreiben schickte: die Wohnungen sollten verkauft werden. Sobald sich ein Käufer fände, müssten wir ausziehen. „Potztausend!“, rief Micha. Er hatte sein ganzes Leben in der Wohnung verbracht. Er wollte die Wohnung nach seinem Tod an mich weitergeben. Und an niemanden sonst.

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Warum haben alle Frauen ab einem bestimmten Alter die gleiche Frisur? *

Kurzhaarfrisur

Die Frage verfolgt Carla schon seit Tagen. Während einer Autofahrt durch die Stadt bleibt sie an einer roten Ampel stehen und beobachtet die Passanten. Und tatsächlich: Alle Frauen jenseits der 50 tragen eine nahezu identische Frisur. In der Fußgängerzone überprüft sie das Phänomen erneut. Und findet Bestätigung. Ab einem gewissen Zeitpunkt scheinen Frauen ihre langen Haare gegen einen Schnitt einzutauschen, der dem Motto „kurz, praktisch, gut“ folgt. Nur warum? Wurden die Haare ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach zu dünn für lange Frisuren? Oder priesen die Friseure den Schnitt als einzig tragbare Variante an, weil die Ü50-Kunden dann regelmäßiger in den Friseursalon eilten?

Die Frage geht Carla selbst nachts nicht aus dem Kopf. Sie träumt, dass sie von einem Friseur mit überdimensional großer Schere verfolgt wird. Oder sie wacht schreiend auf, weil sich ihre Haare im Traum in einen praktischen Kurzhaarteppich verwandelt haben. Wenn sie morgens aufwacht, überprüft sie als Erstes im Spiegel ihr Aussehen. Ihr Mann schüttelt nur den Kopf. Ob sie keine anderen Sorgen habe? Sie verneint. Die zunehmende Anzahl an Falten und die Orangenhaut an den Beinen sind für sie eine natürliche Alterserscheinung. Die Kurzhaarfrisur hingegen deutet einen Gesinnungswandel an, der ihr fremd und bedrohlich vorkommt. Würde sie eines Tages wie ein ferngesteuertes Auto durch die Tage gleiten während ihr Unbewusstes eine kuriose Entscheidung nach der anderen fällte?

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„I defend my family with my orange umbrella“ *

Matt Berninger von THE NATIONAL

Die Antwort auf ihre erste Interviewfrage hatte sie sich anders vorgestellt. Majas Mund blieb für einen Moment offen stehen. Matt Berninger, der Sänger der Band THE NATIONAL saß ihr gegenüber. Er nippte in aller Ruhe an seinem Wasser. Öffnete die Knöpfe an den Ärmeln seines hellblauen Hemds. Schloss sie wieder. Während Matt mit den Fingern merkwürdige Rythmen auf den Tisch trommelte, fragte Maja: „Euer Konzert heute Abend ist längst ausverkauft. Was macht euch zu einer so guten Liveband?“

„It takes a while to settle down my ship of hopes.“

Maja lachte kurz. Schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Verunsichert schloss sie mit der nächsten Frage an: „Wie verbringst du die freien Tage auf der Tour?“

„We’re half awake in a fake empire“, antwortete Matt und sah ihr herausfordernd direkt in die Augen.

Es war Majas erstes Interview für ihre neue Radiosendung ZWÖLF MINUTEN. Nach ihrem Volontariat hatte der Chef sie um die Konzeption einer Interviewsendung gebeten. Sie hatte mit vielem gerechnet. Nur nicht mit derart kurzen Antworten. Schnell gab sie ein Zeichen für das nächste Lied: „Apartment Story“ von THE NATIONAL.

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Der kubanische Bauer Jorge Márquez ist in den vergangenen 28 Jahren sechs Mal vom Blitz getroffen worden.*

Der erste Schlag traf Jorge kurz nach seinem 30. Geburtstag. Mit einer Kiste frisch geernteter Mangos war er unterwegs zu Fernanda. Bisher hatte er sie nur aus der Ferne beobachtet: ihr lautes Lachen, ihren schnellen Gang, ihre langen Locken. Sie hatte erst vor kurzem die Schule beendet. Über einen anderen Bauern hatte Jorge von ihrer Vorliebe für Mangos gehört. Der Blitz traf ihn wenige Meter vor ihrem Haus. Als er die Augen wieder öffnete, lag er zwischen den zerquetschten Mangos. Seine Knochen schmerzten. Ein paar Bauern eilten herbei, halfen ihm auf und brachten ihn nach Hause. Eine seiner Schultern war leicht verbrannt, die rechte Hand wie betäubt. Er erholte sich in wenigen Tagen und wenn seine Nachbarn nach ihm sahen, klopften sie ihm respektvoll auf die Schulter.

Der zweite Blitzschlag traf Jorge, als er die Mangos mit seinem Traktor zu Fernanda bringen wollte. Wieder wartete er eine Weile bis die Verletzungen verheilt war. Wieder belud der kubanische Bauer den Traktor mit Mangos. Wieder traf ihn unterwegs der Blitz. Zum dritten Mal. Er verstauchte sich den Knöchel und verlor all seine Zahnfüllungen. Während er sich von den Strapazen erholte, stellten ihm die Nachbarn abwechselnd Essen vor die Tür. Aber niemand klopfte ihm mehr auf die Schulter. Jorge versuchte, Fernanda zu vergessen. Er reparierte den Traktor. Pflanzte neue Mangobäume. Schlief kaum noch.

Als er Fernanda zufällig auf einem Dorffest traf, studierte er argwöhnisch den Himmel. Sie stand zwischen mehreren anderen Bauern. Jorge stellte sich dazu und erzählte ihr so lange von seinen Mangos, bis sie sich nur mit ihm verabreden wollte. Doch als er am nächsten Abend im weißen Hemd vor ihrem Haus wartete, traf ihn Blitzschlag Nummer vier. Sobald die Prellungen verheilt waren, fuhr Jorge nach Havanna, um einen Meteorologen um Rat zu fragen. Als er aus dem Bus stieg, warf ihn der fünfte Blitzschlag zu Boden. Der Fahrer half ihm auf, setzte ihn in eine Bar. Mit dem Bauch voller Zuckerrohrschnaps trat der kubanische Bauer die Rückreise an, fiel in sein Bett und verließ es vier Wochen lang nicht mehr.

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Am Anfang war kein Wort.*

Der Rothaarige stand auf der anderen Seite der Gemüsekisten. Er zeigte auf seine Ohren, auf seinen Mund. Dann bewegte er seine Hände schnell hin und her. Svenja sah ihn fragend an. Er zog einen Block aus der Tasche, schlug die erste Seite auf. „ICH BIN GEHÖRLOS“, stand da. Svenja hatte ihn angesprochen, weil er sie an einen alten Schulfreund erinnerte. Die Locken, die Sommersprossen. Aus der Entfernung war sie sich so sicher gewesen. Sie nahm ihm den Block aus der Hand und schrieb: „SORRY, ICH HABE DICH VERWECHSELT!“ Als er enttäuscht die Hand nach dem Block ausstreckte, schrieb sie schnell „NOCH EINEN SCHÖNEN TAG!“ dazu. Er hob die Hand zum Abschied. Sie wiederholte die Geste und schob den Einkaufswagen zur Kasse. Nach dem Bezahlen drehte sie sich nicht noch einmal um.

In den nächsten Stunden huschten der Rothaarige und der Notizblock ständig durch ihre Gedanken: als sie die Einkäufe einräumte, als sich ihre Schwester am Telefon nach ihrem Tag erkundigte, als sie sich beim Zähne putzen im Spiegel beobachtete. Im Schlafanzug warf sie ihren Computer noch einmal an, durchforstete die Suchmaschine nach Einträgen zur Gebärdensprache. In einem kurzen Video führte ein junges Mädchen die wichtigsten Begriffe vor. Svenja versuchte ein paar Bewegungen zu kopieren. Doch ihre Hände kamen ihr viel zu langsam und ungeschickt vor. Sie klickte weiter. Suchte nach einem Alphabet. Die Gesten zu den sechs Buchstaben ihres Namens malte sie sich auf.

Das nächste Mal lief ihr der Rothaarige nicht im Supermarkt sondern in der Bibliothek über den Weg. Svenja sah ihn am Kopierer stehen, ging langsam auf ihn zu. Er erkannte sie sofort. Winkte wieder. Sie deutete mit dem Zeigefinger auf sich und wiederholte die Gesten für ihren Namen. Er sah sie erstaunt an, dann reihte er schnell ein paar andere Gesten aneinander. Sie verstand ihn nicht. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie nur ihre sechs Buchstaben kannte? Er kam ihr zuvor und zeigte auf einen der Tische, wo seine Sachen lagen. „JAKOB“ schrieb er auf seinen Block. Sie setzten sich, ließen den Block hin und her wandern. Jakob war ein paar Jahre jünger als sie. Er hatte gerade sein Studium beendet, unterrichtete an einer Gehörlosenschule. Als das Gespräch nach einer Weile ins Stocken kam, fragte Jakob: „WEISST DU, WIE DIE NAMEN VON POLITIKERN IN DER GEBÄRDENSPRACHE AUSSEHEN?“ Svenja schüttelte den Kopf. Er formte seine linke Hand erst zu einem O, dann machte er mit der flachen Hand eine wellenförmige Bewegung. Als sie ihn ratlos ansah, schrieb er „OBAMA“ auf den Block. Danach bewegte er beide Hände in Bauchhöhe wie bei einer Ziehharmonika hin und her. Ihr fiel kein musikalischer Politiker ein. „JOSCHKA FISCHER UND SEIN DICKDÜNNER BAUCH“, schrieb Jakob. Sie musste lachen. Als er sich mit einer Hand einen bogenförmigen, traurigen Mund malte, schrieb sie schnell „ANGELA MERKEL“ auf den Block. „GEWONNEN“, antwortete er.

 
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