Nina Sahm - freie Journalistin und Autorin

EIN PROSA-BLOG VON NINA SAHM

 
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Die Schönheitskönigin Sarah Rotblatt fuhr an einer Tankstelle vor.*

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An der Kasse stand der gescheiterte Bankräuber Finn Schluchzer mit einer leeren Sporttasche und bekam kein Wort heraus. Er rückte sich die Strumpfmaske zurecht und sah nervös nach draußen. Der wolkenverhangene Himmel lag schwer auf den Dächern der gegenüberliegenden Reihenhäuser und ein durchweichtes Helene-Fischer-Plakat löste sich von der Litfaßsäule.

Ddd – ddd – ddd, sagte Finn.

Der Tankstellenwart kaute unbeirrt Kaugummi, bis eine der großen hellrosa Blasen platzte und er sich die Überreste von Wangen und Kinn kratzen musste. Er hatte eine aufgeschlagene Zeitschrift neben sich liegen und musterte die leicht bekleideten Mädchen.

Ggg – ggg – ggg, sagte Finn und bemerkte nicht, wie Sarah hinter seinem Rücken näher kam.

Sie beobachtete sein verzweifeltes Vorhaben eine Weile, dann stellte sie eine Flasche Sekt auf den Tresen, legte zwei Schokoladenriegel daneben und zog einen 100-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse mit Leopardenmuster. Der Tankstellenwart starrte auf ihre dreifarbig lackierten Fingernägel und vergaß den seltsamen Mann für einen Moment. Sarah schob ihr Wechselgeld in die hintere Tasche ihrer Jeans und nahm Finn wortlos die leere Sportasche ab.

Das ist ein Überfall, sagte sie mit tiefergelegter Stimme.

Finn erstarrte. Erst als Sarah ihm ihren Ellenbogen in die Seite stieß, zückte er seine ungeladene Waffe und ließ den Tankstellenwart das Geld aus der Kasse in die Tasche legen. In einem der Regale lag eine Rolle Isolierband und Sarah verklebte dem Tankstellenwart damit den Mund. Sie band ihn mit einem pinken Kinderspringseil aus der Auslage an seinem Drehstuhl fest, durchtrennte das Telefonkabel mit einer Schere und drückte ihm zum Abschied noch einen Kuss auf die Stirn. Finn stand reglos daneben.

Was Sarah nicht wusste: Während 600 Kilometer weiter nördlich, zwei Bankräuber in Berlin-Steglitz einen 50 Meter langen Tunnel in den Tresorraum einer Bank gruben und fast 300 Schließfächer leerten, war Finn Schluchzer bei dem Versuch die Sparkasse zu überfallen über seine eigenen Füße gestolpert, als ihm vor Aufregung die Sichtlöcher seiner Strumpfmaske äußerst ungünstig verrutschten. Er flüchtete ohne Beute und lief ziellos durch die Straßen, bis er kurz vor dem Ortsschild die Tankstelle entdeckte. Zweiter Versuch, dachte er.

Am Morgen hatte ihn sein Vater einen Versager genannt. Finn war als Angestellter der Stadt für die Pflege und Unterhaltung der städtischen Grünanlagen und Friedhöfe zuständig. Sein Einkommen reichte nicht aus, um die wachsenden Pflegekosten für seinen dementen Vater zu bezahlen. Während Finn Cornflakes aufsammelte, die der Vater auf dem Fußboden verstreut hatte, musste er sich eine Schimpftirade anhören, die kein Ende nehmen wollte.

Kein Geld, keine Frau, rief ihm sein Vater wieder und wieder zu, du hast nur Müsli im Kopf.

Als Finn unter dem Tisch hervorkriechen wollte, stieß er sich den Kopf an der Platte. Der Vater lachte nur.

Versager, Versager, Versager, sagte er.

Finn lebte in Trennung, seit er seine Frau eng umschlungen mit einem Investmentbanker auf einer Parkbank entdeckt hatte. Der fremde Mann hatte seine Hände unter die Bluse seiner Frau geschoben und Finn vertrieb die beiden mit seinem Laubbläser. Seitdem verachtete Finn nichts mehr als Banken.

Sarah ließ ihren Blick über den Parkplatz schweifen und als sie feststellte, dass Finn nicht einmal an einen Fluchtwagen gedacht hatte, winkte sie ihn mitleidig hinter sich her.

Ddd – ddd – ddd, sagte Finn.

Er ließ sich auf den Beifahrersitz von Sarahs rotem Fiat fallen. Während Sarah Richtung Landstraße fuhr, zählte er das Geld. Es waren 112 Euro und 74 Cent. Finn nestelte am Bund seiner abgewetzten Jeansjacke. Er hatte sich vor ein paar Tagen das Rauchen abgewöhnt und wusste seitdem oft nicht mehr, wohin mit seinen Händen. Er begann eine imaginäre Zigarette zu rauchen und sog die Luft ein, die durch einen Duftbaum der Sorte Pina Colada ein seltsames Aroma bekam. Vor dem Fenster wechselte sich ein monotones Einerlei aus Gewerbegebieten, kahlen Bäumen und unbestellten Feldern ab.

Hast du ein Ziel vor Augen, sagte Sarah.

Als sie keine Antwort bekam, nahm sie die nächste Auffahrt zur Autobahn und schaltete das Radio an. Finn wechselte von Sender zu Sender, bis ihn eine Suchmeldung der Polizei zusammen zucken ließ. Sie suchten nach einem stotternden Mann mit Bart und nach dessen blonder Komplizin, die in einem roten Fiat 500 unterwegs waren. Die zwei Versager sind auf der Flucht, sagte der Moderator lachend und riet ihnen unbekannterweise, sich beim nächsten Mal von den Berliner Tresorräubern inspirieren zu lassen. Finn schnaubte.

Vvv – vvv – vvv, sagte er.

Was hast du erwartet, sagte Sarah und folgte den Schildern zu einem Fastfood-Restaurant.

Finn schlug die Autotür hinter sich zu und trottete langsam über den Parkplatz. Sarah bestellte Burger und Kirschtaschen, während Finn sich auf den gepolsterten Sitzen niederließ, den Kopf auf seine verschränkten Arme legte und die Augen schloss. Eine Reinigungskraft schob ihren Putzwagen vor sich her und wischte über die leeren Tische.

Was Finn nicht wusste: Die Teilnahme an dem Schönheitswettbewerb war nicht Sarahs Idee gewesen, sondern dem sehnlichen Wunsch ihres Freundes Mike entsprungen. Mike hatte sich in den Kopf gesetzt, nur mit dem hübschesten Mädchen des Dorfes alt zu werden. Er redete wochenlang auf sie ein, bis sie schließlich einwilligte und den Anmeldebogen ausfüllte. Nach dem Sieg folgte Mike ihr auf die Damentoilette und machte ihr vor den Spiegeln einen Heiratsantrag. Aus einem defekten Wasserrohr tropfte es auf den Boden, auf dem Seifenspender lag ein gebrauchtes Kondom und ein paar Meter weiter zogen sich zwei Mädchen, die nicht ins Finale gekommen waren, an den Haaren. Sarah zerriss ihre Schärpe und warf die Krone auf den Boden. Sie lief nach draußen und lehnte die Interviewanfrage eines Lokaljournalisten ab, der ihr mit schnellen Schritten folgte. Sarah fuhr alleine in ihrem neuen Fiat davon und sang die Schlager aus dem Radio mit, ohne auch nur einen einzigen Ton zu treffen.

Sarah setzte sich neben den schlafenden Finn und biss in ihren Burger. Die Barbecuesoße tropfte auf den Tisch, eine Tomatenscheibe landete auf ihrer Hose. Sarah stand fluchend auf und weckte Finn, der seine Augen wie in Zeitlupe öffnete. Er schlang seinen Burger und die Kirschtasche mit wenigen Bissen hinunter. Während Sarah die Verpackungsreste zum Müll trug, wischte Finn mit seiner Serviette die Tischplatte ab, als würde er ein Fenster putzen. Er begann an der linken Kante und arbeitete sich mit gleichmäßigen Bewegungen zu der anderen Seite vor. Vor der Glasfront dunkelte es und die schemenhaften Gestalten auf dem Parkplatz waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Wie lange es noch dauerte, bis die Polizei sie entdeckte? Die Kassiererin hatte sie länger gemustert als die anderen Kunden und der Mann am Nachbartisch hatte mit gedämpfter Stimme telefoniert und sein Gesicht hinter einer Zeitung verborgen. Sarah konnte nicht einschätzen, ob sie Gespenster sah.

Worüber Finn gerne reden würde: Über die Sorgen, die er sich um seinen Vater machte. Über die Freunde und Nachbarn, die der Vater ständig verwechselte. Über das Geld auf Vaters Konto, das von Monat zu Monat weniger wurde. Wenn Finn könnte, würde er Sarah von den Abenden nach Dienstschluss erzählen, die er bei seinem Vater verbrachte. Er würde beschreiben, wie er jeden zweiten Tag Ravioli aus der Dose aufwärmte, weil es das Lieblingsessen des Vaters war. Wie er hinter den Blumenkübeln im Wohnzimmer die Schmutzwäsche seines Vaters fand, den Hausschlüssel aus dem Wasserkocher fischte und die Zahnbürste aus der Blumenvase zog. Finn wusste, dass sich etwas ändern musste, aber er wusste nicht, wie er es bezahlen sollte. Die Sporttasche mit der Beute wog viel zu leicht in seiner Hand.

An der nächsten Raststelle hielt Sarah erneut und kam mit sauren Pommes und Dosenbier zurück. Sie hielt es nicht mehr lange am Steuer aus und war kurz davor sich der Polizei zu stellen.

Was wolltest du mit der Beute anfangen, sagte sie.

Nnn – nnn – nnn, sagte Finn.

Nichts?

Finn stampfte mit dem Fuß auf. Dann breitete er beide Arme aus und bewegte sie auf und ab, als könnte er jeden Moment davon fliegen.

Eine Reise nach Norwegen?

Kopfschütteln.

Nazareth?

Kopfschütteln.

New York?

Finn klatschte in die Hände wie ein Kind. Sarah fiel auf, dass seine Augen zweifarbig waren und zwischen Blau- und Grüntönen changierten, dass ihr sein Dreitagebart gefiel und dass selbst das leicht verschmutzte Hemd noch Stil hatte. Finn zog ein Foto aus seiner Hosentasche, auf dem er mit seinem Vater Arm in Arm im Garten stand. Er deutete darauf und bewegte erneut seine Arme auf und ab.

Du wolltest mit deinem Vater nach New York fliegen?

Finn nickte und Sarah schlitzte die Dosen mit ihrem Taschenmesser vertikal auf. Sie tranken um die Wette.

Wo hast du das gelernt, fragte Finn.

Erst als sich Sarah verblüfft zu ihm umdrehte und ihre Bierdose erhob, wurde ihm klar, dass er den ersten Satz des Tages gesprochen hatte. In der Ferne erklang die Sirene eines Polizeiwagens.

 

* Der erste Satz stammt von Christoph Ransmayr.

Dieser Text wurde in der Anthologie zum 24. Würth-Literaturpreis im Swiridoff Verlag veröffentlicht.

Foto: Thorben, 180pixel

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